#17 Ziele Poetry Slam Celle – Samson


“Was ist das denn?”, Heiner ignoriert
meine Frage, und kommt zu mir an den Tisch. Ein Bier und ein Kurzer werden vor ihn gestellt,
er wirft das Schnapsglas ins Bierglas, trinkt einen Schluck, dann wendet er sich mir zu,
der sehr skeptisch auf die sich drehende blaue Kugel zeige, die Heiner mit reingebracht
und auf den Tresen gestellt hat. “Das ist ein Erbstück”, sagt er, “Rund, blau,
feucht an der Oberfläche? Das ist die Erde”. Ich blicke ihn weiter fragend an. “Gott”,
sagt Heiner dramatisch, “Gott ist tot. Und ich war der Erste beim Notar”. “Ach, du
warst ein naher Verwandter?”, frage ich. “Mein einfältiger Freund”, sagt Heiner
und blickt transzendent zur Decke. “Gott ist in uns allen. Entschuldige. War in uns
allen. Und über die letzten Jahrzehnte wurde sein Nachlass Stück für Stück weitergegeben.
Morgan Freeman hat seine Stimme bekommen, der Bart ging an McFitti, nur die Erde, die
hat nie jemand abgeholt”. “Ach deswegen ist die Erde sozial so verwahrlost”, sage ich. Heiner nickt. “Und jetzt kümmerst du dich um alles?”. “So siehts aus”, sagt Heiner. “Ich brauchte mal wieder ‘ne Aufgabe, das mit dem Studieren war mir nix”. Er schubst die Erde an, sie dreht sich ein wenig schneller. Ich fühle mich plötzlich viel leichter, bis Heiner die Erde wieder auf Normalgeschwindigkeit bremst und ich auf den Barhocker zurücksinke. “Ist ja auch höchste Zeit, dass sich jemand kümmert,
guck dir das mal an”, er kneift die Augen zusammen und beugt sich zur Erde runter. “Da, die haben Hunger, die haben Durst, die sind krank, die werden zerbombt, die können nicht schreiben, die können nicht lesen und die da haben überhaupt keinen Zugang zu Bildung,
zum Internet, zum Rest der Welt”. “Du hast die Erde ganz frisch” , sage ich, “vielleicht musst du beim Weltverbessern ja nicht direkt mit Brandenburg anfangen”. “Na irgendwo
muss ich doch anfangen”, sagt Heiner. “Und wie änderst du da jetzt was?”, frage ich.
“Ganz einfach”, sagt Heiner, “Rechtsklick auf Sahara und den Regler für Sand runterziehen”.
“Wirklich?”. “Maaan, das weiß ich doch nicht”, sagt Heiner, “ich arbeite
mich doch gerade erst ein”. Er zieht ein zerknittertes Stück Papier aus der Tasche,
“hier, das war dabei”. Ich falte es auseinander. Es ist eine aufgemalte Tastatur mit Maustouchpad.
Ich lege das Papier vor die Erde auf den Tresen und drücke auf den Powerknopf. Eine niegefühlte warme Energie durchströmt meine Fingerspitzen, alle menschlichen Begrenzungen scheinen sich aufzulösen, während ein wohlwollendes Allmachtsgefühl mein Wesen vereinnahmt und meine Organe in einem vierstimmigen Kanon ‘I believe I can fly’ anstimmen. Ein hologrammartiges Fenster im Design von Windows 3.11 öffnet sich vor uns in der Luft. ‘Herzlich Willkommen bei
Welt 20.18. Zum Fortfahren beliebige Taste drücken´, Heiner tippt auf die Tastatur.
‘Um Änderungen vorzunehmen, wählen Sie einen Staat oder eine Region’ im Fenster
erscheint eine Grafik, ein animierter Cursor markiert die Sahara und verschiebt einen Regler
für Sand. – Entschuldigung, ich fand das lustig. – ‘Bestätigen Sie Ihre Änderungen mit der Eingabetaste’, in der animierten Grafik verschwindet eine Menge Sand. Die Sahara läuft von links und rechts mit Ozean voll. Heiner akzeptiert die AGB und klickt auf ‘Start’. Das Fenster vergrößert sich und zeigt einen
Desktop an, der die Erde auf dem Tresen umschließt. “Und jetzt?”, frage ich gespannt. “Jetzt
mach’ ich sukzessive alles besser”, sagt Heiner. Er zieht mit der Maus Kästen um Afrika
und Südasien, erhöht den Grundwasserspiegel und drückt Enter. “Zack feddich, Wasser”,
sagt er. “Und weiter?”, frage ich. “Jetzt Brandenburg”, sagt Heiner, “ich fang in der Uckermark an und arbeite mich langsam bis nach Sachsen durch”. “Meinst du nicht,
es gibt größere Probleme?”, frage ich. “Klima und Rassismus und Tod und Verderben und so?”. Heiner verdreht die Augen, “Du wieder mit deinem anstrengenden Gutmenschengehabe”, sagt er, “was wäre dem Herren denn genehm?”. “Vielleicht die Probleme an der Wurzel packen?”, sage ich. “Dafür sorgen, dass dumme Menschen weniger Macht haben und ihre schwachsinnigen Ideen nicht mehr durchsetzen können”. Heiner nickt zögerlich. Dann markiert er die Vereinigten
Staaten, wählt ‘Staatsoberhaupt’ und drückt Entfernen. Im Fernseher über dem
Tresen läuft gerade eine Rede von Trump, der plötzlich verschwindet. Heiner klickt Bearbeiten – Rückgängig, Trump ist wieder da. Bearbeiten -Wiederholen, er ist wieder weg. Vereinzelte
Secret-Service-Mitarbeiter im Hintergrund werden wahnsinnig und schießen wild um sich. Die Übertragung wird unterbrochen. Heiner kichert.
“Darf ick ooch ma?”, der Barkeeper beugt sich über den Tresen, scrollt zu den vier
Grundelementen und bearbeitet die Eigenschaften von Wasser. “Noch’n kühlet Blondet?”
Wir nicken. Er hält unsere Gläser unter den Wasserhahn. Es kommt Bier raus, “Na,
wat sachste?”. “Und wenn ich mir jetzt mal die Hände waschen will?”, frage ich. “Is jar keen Problem”, sagt der Barkeeper. Er nimmt ein frisches Glas und zapft einen
halben Liter Wasser aus dem Zapfhahn. “Da, haste Wasser. Dit macht drei fuffzig, bidde”.
Zwei Stunden später sind alle in der Kneipe sehr betrunken, es hat sich eine Schlange
vor der Erde gebildet. Jemand hat sich in die Kategorie Lebewesen geklickt und ändert
die Farbwerte für Menschen gerade in ein sattes Blau, was keinerlei Effekt auf irgendetwas
hat, wie es sich für Hautfarbe gehört. “Ich wusste gar nicht, dass es so schön
ist blau zu sein”, lallt Heiner und betrachtet sich fasziniert im Klospiegel. “Sach ma”,
sage ich und drehe den Wasserhahn auf, “ich weiß, das ist eher so eine Art Beschäftigungstherapie für dich, mit der Erde”, ich wasche mir die Hände notdürftig mit warmem Bier, “aber jetzt haste sie nu mal. Meinste nich, dass de da ein bisschen verantwortungsbewusster
sein solltest?”. Ich deute in den Schankraum und beiße wortlos von der Klotüre ab, die
nach krossem Bacon schmeckt, seitdem eine Chemiestudentin vorhin die Zusammensetzung
von Pressspan geändert hat. Heiner seufzt, “Hast ja recht”, sagt er. Er stellt sich
auf den Tresen, “Ich hatte einen Traum”, ruft er in den Schankraum, einige Köpfe heben
sich, “ich wollte diese Welt verbessern. Aber jetzt sind alle besoffen und knabbern
am Mobiliar, weil irgendwer auf die glorreiche Idee kam, dass es tierfreundlicher wäre,
ein Schnitzel zu fällen, als es zu schlachten. Ein naheliegender Gedanke, war der
Mensch doch schon immer ein Schreiner und Sammler. Aber ich bin sicher, in Afrika stehen
gerade eine Menge sehr verwirrter Löwen rum. Also vielleicht helfen wir einfach denen, die vom Weltretten was verstehen. Greifen ihnen ein bisschen unter die Arme. Sind uns bewusst, was eine Heidenarbeit das ist”. Applaus brandet auf. “Und eins noch”, ruft Heiner, “wir haben gerade einen sehr hohen Grundbierspiegel. Und für die nächsten Tage ist Regen angesagt”. Dankeschön.

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