#17Ziele Poetry Slam Finale Berlin – Luca Swieter


Lieber guter Weihnachtsmann, kennst du dieses
kleine Geschäft in einer dieser verwinkelten Gassen, dieses kleine Geschäft mit dem herrlich
bunten Schaufenster, das, schon von sattgrünen Tannenzweigen umrahmt, von Sternenglanzgirlanden
beleuchtet, jeden entzückten Kinderblick fängt und in diesem Schaufenster, hast du
sie gesehen, diese Puppe, mit dem Spitzenkleid, mit dem blassrosa Mund, der so schön geschwungen
ist, diese Puppe mit den Augen wie Saphire, sag, Weihnachtsmann, weißt du, welche Puppe
ich meine? Die will ich nicht! Lieber guter Weihnachtsmann, nachdem du 23 Jahre meinen
Wunsch nach einem Pony konsequent ignoriertest, deinen fetten Arsch nicht einmal hast sehen
lassen und nie deine Stimme für genderneutrales Spielzeug erhebst, dann musst du dich auch
nicht wundern, dass jetzt ein dickes, schwarzes Loch in meine Seele wabert und Weihnachtsmann,
eins kann ich dir versprechen: Dieses Jahr war ich ein böses Mädchen.
Trotzdem möchte ich es ein letztes Mal mit meiner Wunschliste versuchen. Eine Beziehung
ist ein Nehmen und Haben, ich schreib ein Gedicht und du gibst mir die Gaben, sie haben gesagt,
ich soll nichts erwarten, aber ich erwarte schon einiges. Was Kleines. Ne Apple Watch
zum Beispiel. Die könnten wir uns leisten. Wir wollten uns am Feiertag nicht streiten.
Also seid mal bitte leise. Ich verkünde nun meine Wunschliste mit Epilog:
Die Petition gegen TTIP, die ich unterschrieb, meine Eltern hab ich stets aufrichtig geliebt,
insgesamt kann man meinen, ich hätt’ es verdient, aber nein, es gab einen, dessen Einwände
scheinen Freiheit zu beschneiden, Diskurs zu vermeiden und Menschenrechte zu verneinen.
Ich brauche das Zeug. Wie wir wissen ist das Wählen von Wegen ein vergebliches Bestreben,
ich steh im Regen einer Vielzahl von erlesenen Gelegenheiten, ich liege in der Wiege des
Lebens, doch was mag diesem lieblichen Wesen noch fehlen? Mir ist, als wär mein Maß
an Privilegien noch gar nicht richtig ausgeschöpft und der Mantel, der den Wohlstandsbauch bedeckt
noch gar nicht komplett aufgeknöpft. Ich könnte ja behaupten, dass zum Feste Heiterkeit
und Glück als meine Gäste vorgezogen, ja das könnte ich behaupten, aber es wäre
halt gelogen. Nun wollen wir mal sehen. Ich brauche Felgen.
Ich habe kein Auto, aber ich brauche Felgen. Und wenn ich Felgen habe, dann brauche ich auch
ein Auto. Ich brauche Helden, die mir helfen, meinen Alltag zu bewältigen, zum Beispiel
Ohrläppchenmasseure oder Nasenhaarfriseure. Ich wünsche mir einen Marktplatz für meine
Tiraden, ein Schiffswrack mit dem Schatz von Piraten, Organe, Fasane, eine Harry Potter
Narbe, ein Haus mit Garten auf den Kanaren, Fanfaren, die meinen Klogang untermalen, ich brauche wallende Gewänder, einen Eichhörnchenkalender, Geldsegen, Weltfrieden, einen Großbrand,
wenn’s kalt ist für die Tiere des Waldes, des Weiteren einen gescheiteren Plan zur Vermeidung
von weiteren Vorstrafen, ich brauche Aufmerksamkeit und einen rastlosen Geist, der mich nach meinem
Tod im Kegelclub vertritt. Ich meine, dass es Zeit wird, Smartphones für meine ungeborenen
Kinder anzuschaffen und eine Fontäne in den Schokobrunnen zu bauen. Außerdem dachte ich, Mensch Luca, du hast
schon lange nicht mehr so richtig geil ausgesehen. Also brauche ich Duschgel, Shampoo,
Spülung, Haarkur, Tagescreme, Nachtcreme, Maske, Balsam, Paste, Tonikum, Peeling, Serum,
für die Hände, für die Füße, für die Augen, für die Haut, und noch viel, viel mehr. Und an dieser Stelle möchte gerne aus der Ironie des Textes herausbrechen, und kurz sagen, dass wenn man seinen Kopf in einen Eimer voller Kräuterbutter steckt, dann hat es genau den gleichen Effekt. Ich geh’ jetzt wieder in den Text hinein. Doch ich bezahle jeden Cent, wenn es neu ist
und glänzt, ich hol mir jedes Teil mal zwei. Hör zu, das ist wichtig, es gibt nichts,
das es nicht gibt, alles was ich brauche, kann ich kaufen, aber bitte
zerreiß das Preisschild und entfernt die Etiketten. Ich möchte nichts wissen, ich
möchte nicht wetten, wie klein waren die Hände, wie stickig die Luft und wie stechend
die Dämpfe und wie weit das Kleid gereist ist, ich brauche mehr Ignoranz, ich brauche
mehr Naivität, ich brauche mehr Verdrängung. Da ist ein Bild, das mich quält: Die schönste
Zeit ist vorbei und die Wälder verwesen. Saurer Regen fegt durch die Ebenen, faulige
Felder haben nichts mehr zu geben, in entlegenen Gegenden leben die wenigen letzten, die uns
nicht vergessen. Weil wir es doch waren, die etwas hätten tun können, und ich suche
das Ufer in meinem Überfluss. Lieber Weihnachtsmann, und damit meine ich,
liebes ich, denn wer kauft, hat Verantwortung, die sich nicht so einfach auf einen Mann im
roten Mantel abschieben lässt. Ich brauche mehr Verständnis für Nachhaltigkeit.
Ich brauche mehr Transparenz. Ich brauche mehr Skepsis.
Ich brauche noch mindestens 10 Löffel Weisheit. Es gibt einen Horizont von Dingen, die ich
nicht verstehe. Ich brauche die Gewissheit, dass jeder Mensch
für seine Arbeit einen fairen Lohn bekommt, einen sicheren Arbeitsplatz. Ich brauche Gleichberechtigung. Ich brauche gewissenhafte Produktion. Ich brauche kritische Auseinandersetzungen. Ich brauche noch viel mehr als ich aufzählen kann. Und das sind all die Dinge, die ich mir im
Überfluss erlaube. Ich brauche die Erkenntnis, dass ich nicht viel brauche.
Und zu Weihnachten reicht für mich dieses Jahr auch was Selbstgebasteltes. Danke.

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