[#17Ziele] Poetry Slam Finale Berlin – Luise Komma Klar


Um einen relativ vernünftigen Überblick
über viele gesellschaftliche Probleme zu bekommen, kann es reichen, sich für kurze Zeit mit 50 zusammengewürfelten Fremden irgendwo einzusperren. Ich sitze im Flixbus. Das ist selten ein Anlass zur Freude, aber
gerade find ich es gut, denn die letzten zweieinhalb Stunden habe ich nicht im Flixbus gesessen,
sondern auf den Flixbus gewartet. Jetzt warte ich auf was anderes, nämlich
darauf, dass wir auf der Autobahn ankommen. Der Busfahrer hat nämlich das Klo abgeschlossen bis
dahin, ich weiß nicht warum, vielleicht weil man im Stadtverkehr so viel bremsen muss und
es ungünstig ist, wenn sich ein männlicher maskuliner Mann nicht verkneifen kann, im
Stehen zu pullern. In jedem Fall unterstütze ich dieses Anstreben
sauberer sanitärer Einrichtungen. Für alle, ich habe ein paar andere Ziele eingebaut. Die haben sich so eingeschlichen. Wenn es schwierig ist, dann sage ich das vorher. Hinter mir diskutiert ein Pärchen über die Frauenquote. Er sagt, wäre Geschlechtergleichheit ein
Kuchen, hätten Frauen schon 60%. Sie sagt, wäre Geschlechtergleichheit ein
Kuchen, würden sich Männer die Kirschen rauspicken und den Frauen nur so viel Krümel
übrig lassen, wie ihnen bequem ist, und die Frau hätte den Kuchen gebacken. Ich mag ihren Ansatz, denke aber, das ist
einfacher, weil wäre Geschlechtergleichheit ein Kuchen, dann hätten wir keinen Kuchen. Die letzte Reihe ist komplett blockiert von
einer Mutter mit drei Kindern in unterschiedlichsten furchtbaren Altersstufen. Das Jüngste schreit und kackt, das mittlere guckt eine Folge Regenbogenfisch – Ziel Nr. 14, Leben unter Wasser – und das größte kackt
zwar nicht, aber schreit auch schon fast, weil der Tablet-Akku fast leer ist und die Steckdose nicht funktioniert – Ziel Nr. 7, Energieversorgung. Der Bus fährt nach München, bis dahin sind’s
noch locker 6 Stunden, das Kind schreit, das andere Kind schreit und kackt, das dritte
Kind singt „Regenbogenfisch“ und das Pärchen vergisst den Kuchen und starrt die Mutter
böse an, der schlafende Anzugboy wacht auf und starrt die Mutter böse an, die älteren
Herrschaften, von denen einer so schlimm hustet, aber seit Wochen keinen freien Arzttermin
kriegt – Ziel Nr. 3, Gesundheit und Wohlergehen – starren die Mutter böse an, und das ist irgendwie doof, denn die Mutter schreit ja gar nicht, noch
nicht, und sie kackt auch nicht, und obwohl sie vielleicht muss, aber das Busklo ist ja zu,
und sie singt noch nicht mal „Regenbogenfisch“, sie hat eigentlich nur die Hände voller Scheiße
und wird von 3 Seiten gleichzeitig vollgenölt und ihr Handy klingelt und beim Baby muss
man ja auch noch der Kopf gehalten werden und eine Saftpackung ist im Rucksack aufgegangen und
während sie dem mittleren Kind die Kopfhörer entwirrt, versucht, die Jacken und Mützen
und Spielsachen vorm Hohen C zu retten und mit ihren anderen 8 Händen Brote schmiert
und Nasen putzt und Erstickungsgefahren abwendet, wird sie jetzt auch noch böse angestarrt. Hätte sie nicht Auto fahren können? Hätte sie nicht Auto fahren können? Hätte sie nicht. Denn nicht jede alleinerziehende Mutter hat Kohle für ein Auto. Fast genauso viele böse Blicke kriegt der Busfahrer, wegen den zweieinhalb Stunden Verspätung. Er liefert sich jetzt ein Wortgefecht mit
dem aufgewachten Anzugboy. Der hat nämlich gemerkt, dass es spät ist
und er seinen wichtigen Anzugboy-Termin verpasst und er fragt, könnte man denn nicht schneller fahren. Der Busfahrer sagt, mit diesen neuen Informationen, also dass es ja für ihn so wichtig ist und so, würde das natürlich gehen, er aktiviert
jetzt einfach mal den Nitro-Antrieb und ab geht’s, da können wir ihn pünktlich direkt
vorm Konferenzraum absetzen. Die Polizei versteht das mit der Geschwindigkeitsübertretung bestimmt,
wenn’s so ein wichtiger Termin ist. Der Anzugboy guckt ein bisschen sauer und schimpft
und nennt den Busfahrer faul und unhöflich und will sich beschweren und würde gern das
Feedback an das Unternehmen weitergeben, dass die Busfahrer besser ausgebildet und ausgesucht
werden müssen und es muss auch mehr Busfahrer geben, damit bei Ausfall keine Wartezeiten
entstehen. Und der Fahrer sagt, falls das Unternehmen aufhört zu knausern,
ist das erste, wofür er sich einsetzt, eine schalldichte Scheibe zwischen Fahrer und Fahrgästen,
damit er sich diese ganze Scheiße nicht mehr anhören muss – Ziel Nr. 8, menschenwürdige Arbeitsbedingungen. Und jetzt wird der Busfahrer von noch mehr Leuten böse angestarrt, und ein Teenager
kriegt auch fiese Blicke, weil er sich im geschlossenen Raum jetzt unbedingt ein Mettbrötchen aufmachen
muss und ein Kind schreit, und jetzt schreit auch der Anzugtyp, und die alte Frau schreit
den alten Mann an, dass sie bei seinem Husten kein Auge zukriegt, und der Typ schreit seine
Freundin an, dass sie doch wählen gehen darf und das nicht selbstverständlich ist, und
das Kind singt „Regenbogenfisch“ und ich denke, all dieser Hass, das ist ja eigentlich
ganz fantastisch, aber doch nicht so. Wenn wir schon all diese Energie, diese
gebündelte Wut haben, dann lasst sie uns nicht aneinander auslassen, sondern auf den Dornen in unserem Auge, unserem gemeinsamen metaphorischen Auge fokussieren, der Dorn, der bei allen tief verankert sitzt und eitert, die über keine Bahncard 100 oder gar ein eigenes Automobil verfügen, lasst
uns gemeinsam die Wurzel des Übels hassen, den einen, den einzigen, den bis zur Monopolstellung hochfokussierten und aufgekauften und hochfusionierten fucking Flixbus. Um einen relativ vernünftigen Überblick über viele gesellschaftliche Probleme zu bekommen, kann es reichen, sich für kurze Zeit mit 50 zusammengewürfelten Fremden irgendwo einzusperren. Dieser Text ist eine ziemlich einfache Metapher. Lass mal zusammen die richtigen Leute hassen.

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