#17Ziele Poetry Slam Finale Berlin – Marvin Weinstein


„Meine Damen und Herren, treten Sie ein.
Liebe Kinder, setzt euch und staunt.“ Die Manege wird dunkel, Musik wird gespielt,
Spotlight an, das Publikum raunt. Der Direktor macht einen Schritt auf das Heu
und den Sand, der den Boden bedeckt, ganz lässig nimmt er den Beifall entgegen,
eine Hand in die Hose gesteckt, lässt das Mikrofon kreisen und den Blick
einmal schweifen von links nach rechts durch das Rund. Die Zuschauer sind, wie immer im Grunde, hetero, reich, weiß, gesund. Dies nimmt er zum Anlass einen Witz vorzutragen. „Da draußen, da stehen sie Schlange,
doch das Zelt ist voll, meine Damen und Herren. Da warten die sicherlich lange.“ Man lacht ein beschämtest „hohoho“, hat er das wirklich gesagt? Doch man lässt ihn gewähren, denn er steht auf der Bühne und macht sowas fast jeden Tag. Und er legt noch mal nach, der Humor fast
so schwarz wie der Schatten hoch unterm Trapez, bis das Publikum unbefangener lacht, und er
schließt mit den Worten „Los geht’s“. Der Scheinwerfer strahlt unters Spitzdach
des Zeltes, gibt Schaukeln und Turnringe preis. Der Saal wird verdunkelt, die Trommeln gewirbelt
und er tritt hinaus in den Kreis. Horst Seehofer in einem hautengen Outfit – ich weiß, das stellt man sich ungerne vor – doch er zeigt großen Sportsgeist, steigt
langsam und stetig die Karriereleiter empor. Er klettert und klettert, so lange bis
er die Obergrenze der Leiter erreicht, atmet einmal tief durch, lässt sich fallen
und gleitet dahin, wie ‘ne Feder so leicht. Greift nach luftleeren Phrasen und haltlosen
Thesen, ein Wunder, dass er nicht fällt. Doch das ist nur Show, er weiß was er tut,
glaubt er, und damit verdient er sein Geld. Ein Reinblut- entschuldigung, ein Vollblutartist
wie er bringt die Manege zum toben. Das Publikum staunt, niemand kann sich’s erklären,
wie zum Teufel ist er noch immer dort oben? Seine Show endet, indem er die Bürgerrechte
mit Überwachungsmaßnahmen verletzt, und gleichzeitig die gehobenen CSU-Posten
mit fast ausschließlich Männern besetzt. Wow. Wow! Als der Applaus dann verebbt, man das Licht wieder dimmt und es still wird im hölzernen Rund, beginnen ganz plötzlich die Wände zu wackeln
und knarrend öffnet sich der Grund. Und darunter zeigt sich in kräuselnden Wellen
ein Teil des Antarktischen Meeres. Was an sich nicht besonders spektakulär ist,
da das Becken ansonsten noch leer ist. Doch dann tritt ein Künstler unter großem
Trara an den Rand des Beckens und spricht: „Ich wollte eine Statue aus einer Eisscholle
hauen, doch wie Sie sehen, klappt das nun nicht. Überraschenderweise ist sie geschmolzen, nun stünden wir richtig dumm da. Doch ich habe eine Idee, und wenn Sie mir helfen, ja, dann wird sie auch wahr.“ So fordert er nun das Publikum auf, Plastik nach vorn an den Beckenrand zu schmeißen. Ganz gleich, ob es Tüten sind, Folien, Flaschen, der Künstler nimmt fast jeden Scheiß. Schon bald reicht der Müll aus für das, was er plant, und er türmt ihn auf, Schicht um Schicht, so wie Berge aus Eis, das Werk eines Meisters,
man erkennt fast den Unterschied nicht. Kaum, dass das Werk steht und der Applaus
anschwillt, schwimmen plötzlich Delfine ins Becken. Von überall fliegen Möwen heran und Eisbären verbreiten Schrecken. Die Möwen verheddern sich in Tüten und Folien, während die Eisbären langsam versinken
und die Delfine mit animalischen Eifer giftige Weichmacher trinken.
So bietet sich den staunenden Augen eine unglaubliche Choreographie,
wie all diese Tiere synchron daran sterben. Krass. So etwas sieht man sonst nie.
Der Künstler verneigt sich, man spendet ihm Beifall, der Boden wird wieder geschlossen,
und durch den Vorhang kommen, holterdipolter, die Clowns und Jongleure geschossen.
Sie stürmen die Manege, zaubern und tanzen, ziehen Groß und Klein in ihren Bann.
Was auch immer vorhin das Problem war, jetzt gerade denkt absolut niemand daran.
Zwei Jongleure hantieren mit Subventionen, mit riesigen Schecks und Gehältern,
ein paar andere widerum werfen mit Burnout bei Kindern, mit Stress und den Sorgen der Eltern. Doch das ist noch nicht alles, der Star der
Jongleure spielt mit Schusswaffen, Medikamenten, dann kommen Abgaswerte und Patente und niedrige Renten. Tada. Das Zelt, es erzittert unter stürmischem
Beifall, die Artisten, sie räumen das Feld und der Direktor tritt nun für die Worte
des Abschieds hinaus in die Mitte der Welt. „Meine Freunde, ich hoffe Sie hatten Unmengen
an Spaß, doch die Show ist leider nun aus.“ Er wartet kurz ab, empfängt professionell
den geschickt provozierten Applaus. „Zugabe“, rufen vereinzelte Stimmen, der
Direktor hebt schlichtend die Hände, und als er sagt „Naja, ganz fertig sind
wir noch nicht“, da wackeln schon wieder die Wände. Und kaum, dass der Beifall von neuem verstummt, zischen hundert Raketen hinauf,
reißen das Zelt in den Himmel, dann gehen sie hoch, nehmen vielleicht ein paar Tote in Kauf. In der Ferne steigen rot glühende Pilze
empor, imposant und so schön aus der Ferne. Die Welt steht in Flammen, der Regenwald lodert,
der Planet, er wird eins mit den Sternen. Das Eis an den Polen ist sofort geschmolzen,
um tosende Wellen zu den Flammen zu schicken. Doch auch der steigende Pegel der Meere vermag
den Brand jetzt nicht mehr zu ersticken, denn Ölteppiche reiten auf schimmernden Wellen
und setzen die Berge in Brand. Ein Spektakel von solch einem riesigen Ausmaß
hat bisher noch keiner gekannt. Und inmitten der Flammen, dort steht der Direktor,
betrachtet sein Werk und er lacht. „Das war’s von uns, liked uns auf Facebook,
wir sind die Menschen. Bis dann. Gute Nacht.“

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