“Depressionen beim Namen nennen” – Poetry-Slam mit Kristina Wilms


Hallo, mein Name ist Kristina und ich möchte
heute über Depressionen sprechen. Ich werde sehr häufig mit der extrem eindeutigen
Frage konfrontiert: “Wie ist denn das so?” Scheinbar fällt es Menschen extrem schwer,
das Wort “Depressionen” auszusprechen und das Ding beim Namen zu nennen. Und weil ich finde, dass das geübt werden
muss, frage ich dann nach: “Was meinst du?” Sobald wir dann die Frage eindeutig geklärt
und definiert haben, bin ich auch wieder brav und spiele mit und erzähle davon, dass es
meistens sehr beschissen ist, dass es nervt, dass es ungefähr so ist wie ein Furunkel
am dicken Zeh. Das ist halt eine Krankheit und Schnupfen
macht ja auch keinen Spaß. Als ich damals für mich akzeptiert hatte,
dass es scheinbar nicht normal ist, das Bett drei Tage am Stück nicht verlassen zu können
und das dieses ewige Rumgeheule auch von alleine nicht aufhören würde, ging ich – wie man
das halt so macht – ins Internet. Das Gute an der Internetdiagnose ist, dass
man dazu das Bett auch nicht verlassen muss. Allerdings hab ich auch nicht so viel Neues
erfahren und geholfen hat es auch nicht. Damit mir geholfen wurde und damit die ganze
Sache besser wurde, musste ich das Bett am Ende doch verlassen. Also ging ich, weil ich nämlich unkomplizierte
Sachen mit dem Depressionsklotz am Bein definitiv bevorzugte, einfach zu meinem Hausarzt – natürlich
ohne Termin, denn die telefonische Vereinbarung eines Termins war definitiv zu kompliziert
und hätte mich irgendwie terminlich unter Druck gesetzt, wobei ich dazu sagen muss,
dass ich zu dem Zeitpunkt meine Uni schon lange nicht mehr von innen gesehen hatte und
meine einzigen Termine darin bestanden, meinen Kaktus zu gießen. Mein Kaktus hat die Depression aber auch nicht
überlebt. Bei meinem Hausarzt saß ich dann im Sprechzimmer
und sagte so etwas wie “Ich fühle mich nicht so gut, psychisch jetzt. Um ehrlich zu sein, fühle ich mich sehr leer
und hohl, wie eine wandelnde Hülle und es fühlt sich so an, als würde ich ständig
fallen ins Unendliche und es gibt kein rechts und kein links und es gibt kein oben und kein
unten und ich wünschte so sehr, das ich endlich aufprallen würde aber es passiert einfach
nicht. Irgendwie ist der Sinn weg und um ganz ehrlich
zu sein, manchmal erscheint mir das Sterben und das einfach Weggehen als ganz angenehme
Alternative zu dem Hier sein. Können wir da vielleicht irgendwas machen?” Dann folgt der Blick: “Ja Frau Wilms. Es geht Ihnen also nicht so gut. Ich höre so ne Tendenz zur inneren Leere
heraus und scheinbar ist das Selbstwertgefühl momentan auch nicht so tippitoppi. Ich würde vorschlagen, Sie gehen mit einem
Psychologen. Meine Sprechstundenhilfe gibt Ihnen dann eine
Liste mit allen Psychologen und deren Telefonnummern in Berlin, die rufen Sie dann der Reihe nach
an, vereinbaren einen Termin und dann wird alles wieder gut. Ich wünsche Ihnen viel Glück Frau Wilms,
alles Gute!” “Selber alles Gute und Gratulation zum Medizinstudium.” Wie man das halt so macht mit einer Depression
schleppt man sich voller Tatendrang und Motivation aus der Praxis und fängt an zu telefonieren
und ungefähr so ein knappes Jahrhundert später hat man auch schon einen Therapieplatz. Ein sehr ausgeklügeltes System im Übrigen
für Menschen mit Depressionen, die es an manchen Tagen noch nicht einmal schaffen, ein Nutellabrot zu
schmieren. Aber gut, man kann die Wartezeit ja ganz easy
im Bett verbringen und mit dem Versuch, sich nicht umzubringen. Das klappt auch meistens, aber ein bisschen
Schwund ist ja bekanntlich immer. Die Diagnose Depression war dann irgendwie
geil, man hatte halt nen Grund und irgendetwas, worauf man die ganze Misere schieben konnte. Wobei ich mir häufig gewünscht hätte was
Anständiges zu haben, irgendwas, das man als normaler Mensch – und bitte entschuldigen
Sie hier die Differenzierung – sehen oder gar anfassen kann. Ein gebrochenes Bein zum Beispiel. Da bekommt man einen Gips, damit das Bein
besser heilen kann, alle Leute unterschreiben darauf und die Menschen nehmen teil quasi
an diesem ganzen Genesungsprozess. Man postet Sachen auf Facebook oder Instagram
und alle liken und haben einen lieb und man bekommt dann Krücken, damit man besser am
sozialen Leben oder am Alltag teilnehmen kann und niemand würde auf die Idee kommen, mich
zu fragen ob ich mit zu einem 10 Kilometer-Lauf kommen würde, aber Kino und kochen gemeinsam
geht natürlich gut und auf Partys kann man sich wahlweise über den unfähigen Physiotherapeuten
oder die hotte Physiotherapeutin auslassen. Man kann das nicht 1 zu 1 auf Psychotherapeuten
übertragen. Ich habs probiert, man erntet eher mitleidige
Blicke. Aber ja, um ehrlich zu sein, ich würd mir
manchmal wünschen, dass es für meine Depression einen Gips gäbe in den ich meine Seele stecken
könnte, oder das ich Krücken bekäme die mir dabei helfen besser klar zu kommen, so
im Job oder beim Treppensteigen oder so. Gibts aber nicht – unfaire Sache! Und deswegen finde ich, dass wir anfangen
müssen darüber zu sprechen. Und ja, es wird Fragen geben und nein, es
gibt nicht die perfekten Antworten, genauso wenig wie es die perfekten Fragen gibt. Aber es geht ja auch nicht darum, dass alles
perfekt ist. Also es geht nicht um das “Wie” es geht darum,
dass wir sprechen und dass wir dann vielleicht irgendwann zu dem Punkt kommen, dass ich keine
Magen-Darm-Grippe mehr vortäuschen muss. Und deshalb sollten wir einfach reden!

5 thoughts on ““Depressionen beim Namen nennen” – Poetry-Slam mit Kristina Wilms

  1. einfach reden … darüber ! Ja Kristina … das IST ER … der richtige Weg … sich öffnen hilft … und tut sein GUTES dazu bei .. vorwärts zu gehen … stabil und mit Rückenwind 🙂 DANKE für dieses wunderbare Video von Dir … bei " gate für kreativen prozess" .. sind dann bei mir Prozess Tränen gekommen … und das tut gut .. thank you !

  2. Das war unglaublich aufschlussreich und sehr gut erzählt, vielen Dank. Ich leide persönlich nicht an einer Depression, aber wenn ich negative Gedanken habe oder in ein 'schwarzes Loch' falle helfen mir diese Videos oft weiter. Danke 🙂

  3. Die Idee, eine App zur Selbstbeobachtung der eigenen Depression zu entwickeln finde ich echt gut. Offenbar sind nicht alle Ärzte für diese Krankheit sensibilisiert. Weiter viel Erfolg!
    Übrigens…das hat jetzt nicht wirklich was mit dem Thema zu tun…sexy Brille! Steht Ihnen hervorragend! 😉

  4. Großartig formuliert! "Ein bisschen Schwund ist immer…" und ist vllt auch einkalkuliert … m.E. Sonst würde sicher der Ärzte – Psychiater – Therapie Mangel auffallen ( und nebenbei die Pharmaindustrie darunter leiden ) – Ein Neurologe und Psychiater hat bei mir einmal eine "rezidivierende depressive Episode diesmal mittlerer 'ichweissnichtwas' …. diagnostiziert (Hinweis: Wir sehen uns etwa einmal im Jahr – damals suchte ich ihn mind. zum 3. mal in dem Jahr auf) Ich bekam keine Antidepressiva aber den Hinweis, er führe keine Warteliste, sei im moment voll ausgelastet… wenns gar nicht mehr geht müsste das dann ein Kollege (guckstu Telefonbuch…) übernehmen…Hört sich bekannt an, oder? Ein halbes Jahr später waren Herzprobleme, Halluzinationen und Wahnvorstellungen dazugekommen und ich hab mich quasi selbst eingewiesen. Wäre ich auf die Idee ein halbes Jahr vorher gekommen hätte ich mir und meiner Umwelt (und oder umgekehrt) sicher einiges erspart. Aber wie Lothar sagen würde: wäre, wäre Fahrradkette …. Ich sage, in seinem Duktus: I can sing a song from it 😎

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