HUMAN | Poetry Slam “Truth”


Einleitung Gestern habe ich mich entschieden,
ohne Schwerkraft zu leben. Einfach mal abheben, bisschen rum schweben,
nicht immer am Boden kleben, nach Neuem streben. Keinen Wert auf Regeln legen. Entgegen jeden Logikregeln, neben Zweifel hegen
und Andersartigkeit pflegen. Meine eigenen Regeln leben.
Gesagt, getan, gedacht, gemacht. Und von der Startrampe Flachdach
direkt auf den Boden der Tatsachen gekracht. Ohnmacht. Streng bewacht im Spital aufgewacht,
mit Drogenverdacht zur Polizei gebracht. Die ganze Nacht da verbracht.
Am Morgen von Kollegen ausgelacht und mit der Realität verkracht. Verflixt! Wieso hat das jetzt nicht geklappt? Man sagt mir doch immer: “Wenn das für dich stimmt, dann ist es ja wohl auch gut.” “Nichts ist unmöglich, wenn du an dich glaubst!”, oder
“When you can dream it, you can do it!” Aber offensichtlich stimmt das ja nicht.
Wieso bin ich nicht geflogen? Wieso fiel ich nach unten, nicht nach oben?
Hab doch die Schwerkraft extra aufgeschoben. Sollte ich mehr proben?
Bin ich ungeschickt? Vergesse ich ‘nen Trick oder
bin ich zum Fliegen einfach zu dick? Ja, vielleicht gibt die Physik ja einfach ‘n Fallstrick. Erlaubt mir bitte, dass ich die Geschichte noch ergänz. Was ich über reale Dinge denk,
ob ich daran glaube oder nicht, das ändert nichts an ihrer Existenz oder Inexistenz.
Sie selbst sind ihre Evidenz. Sie kümmern sich nicht um die Absenz oder die Präsenz der Intelligenz ihrer Audienz. No offense!
Aber das ist meiner Geschichte Quintessenz. Ja, Wahrnehmung ist nicht Wirklichkeit,
sondern tief subjektiv. Zu glauben, sie wäre die Einzige, ist hochgradig naiv. Unser Gehirn ist kreativ und innovativ
und auch ein bisschen manipulativ. Es erschafft massive Dinge, definitiv.
Aber Wahrheit, die gibt’s auch objektiv. Ausserhalb unserer Sinne
und für diese oft auch unfassbar. Das war dem Philosophen Augustinus
schon vor Langem klar: “Der Verstand schafft die Wahrheit nicht,
er findet sie vor.” So schreibt Aurelius – und der war kein Tor. Ja, jetzt wo wir wissen, dass es sie gibt,
ist Truth ja offensichtlich angekommen. Und wir sind endlich auch vollkommen.
Herzlich willkommen! Gerne erzähle ich euch ein bisschen mehr
über diesen Gast namens Truth. Sie hatte bekanntlich einen guten Ruf. Sie ist meistens nur halb anwesend
und unsichtbar zudem. Manche Leute nennen sie sogar unangenehm. Sie zu essen oder zu knuddeln wäre ein Problem,
denn sie ist bekanntlich bitter und extrem unbequem. Das Gerücht ist als ihr Feind bekannt
und es ist in der Schule schon immer schneller gerannt. Sie ist anpassungsfähig und flexibel,
würden ihre Feinde sagen. In der Politik ist sie nicht so aktiv.
Es ist da nicht üblich sie nach ihrer Meinung zu fragen. Sie hat übrigens Einreiseverbot in
Nordkorea und den Vereinigten Staaten. In die Kirche geht sie selten
und wenn nur verkleidet, weil sie da immer alle für sich beanspruchen
und sie sehr darunter leidet. “Komm, sitz zu mir, ich kenn dich am besten.”
Das sind Leute, die sie grundsätzlich meidet. Und wenn sich der Gottesdienst dann neiget, wollen auch die, die sich gerade noch verbissen um sie rissen, nichts mehr von ihr wissen. Geht sie aber einmal unmaskiert, dann sehen alle rot und ihr droht schon wieder Hausverbot,
weil der halbe Saal sich lehrt, wenn sie nur einmal einkehrt. Auf Social Media ist sie kaum vertreten
und Photoshop ist beauftragt sie umzulegen. Sie ist in keiner Beziehung.
Sie stiftet unabsichtlich Streit. Wird Alkohol getrunken,
ist sie meistens auch nicht weit. Mit einem Tinder-Date hat sie einige Parallelen: Es gibt viele, die sich ihrer schämen und es ist total angebracht,
es mit ihr nicht zu ernst zu nehmen. Ja, Truth muss vieles hinnehmen. Und dabei würde sie doch am liebsten einfach nackt und ungeschminkt bleiben und im Wein rumschwimmen. Nices Leben. Eins muss man ihr ja lassen und da ist sie allein.
Am Ende sucht sie jeder, ob gross oder klein. Wir sehnen uns nach Wahrheit, tagaus, tagein. Wollen befreit sein vom Schein,
einfach rein sein. Bewegen sie nicht jeden,
diese grossen Fragen im Leben? Ja, nach aller Schminke und den Lügenreden ist unverblümt das neue berühmt. Es heisst, in der Zeit von Fake News kann man keinem mehr trauen. Wer weiss, wo wieder Gaunerklauen lauern? Wir wollen aber doch vertrauen, keine
Kartenhäuser bauen, sondern auf feste Burgen schauen. Kein Fake, kein Gefunkel und kein verkehrt. Nein, the real stuff oder
die wahre Ware ist, wohin es uns zehrt Ja, alles was das Herz begehrt, ist am Ende unversehrt und unentleert. Wahrheit, die uns eben leben lehrt. Wie rein ist sie und so unglaublich zart und doch trifft sie uns manchmal so ganz schön hart. Darum fällt es uns so schwer sie zu akzeptieren. Darum suchen wir sie noch während wir
sie ignorieren. Wir wollen wahre Ware wahren und doch nicht wahrhaben. Ach bewahre! An ihr ist was Mystisches, als Mystisches
prüf ich es und suche ich es und verstehen tue ich sie trotzdem nie. Sie zieht mich an in ihren Bann und
an ihr ist was Wahres dran. Echter als alles, was ich sehen kann. Und wenn das alles zerfällt,
aber sie noch besteht, ja dann werden wir sehen, dass sich alles um sie dreht. Danke schön.

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