Ich reagiere immer viel zu emotional – Alex Burkhard (Poetry Slam Text)


»Ich finde, du reagierst immer viel zu emotional«,
sagt Pierre. Ich würde ihm gerne sagen, dass das nicht
stimmt, aber dazu heule ich zu sehr. »Du musst das cooler sehen. Du bist ein nicer Typ, deshalb kriegst du
’ne neue Wohnung. Macht doch Sinn so.« Ich schluchze auf, weil ich nicht artikulieren
kann, wie oft ich das schon dachte, es aber bisher alle Maklerinnen anders sahen. Eine antwortete auf meine Frage nach den Kriterien,
nach denen sie die Wohnung vergeben würde, mit: »Geld.« Sonst sagte sie nichts. »Also ein Künstler mit Hund eher nicht?« »Geld.« »Aber ist es Ihnen nicht auch ein bisschen
wichtig, wer in der Wohnung wohnt und wie sie behandelt wird?« »Geld.« »Okay, danke. Dann geh ich mal. Wiedersehen.« »Geld.« Ich hatte die Hoffnung schon aufgegeben, jemals
aus meiner Studentenbude ausziehen zu können, da sagte plötzlich jemand nicht »Geld«. Am späten Vormittag war das, seitdem kann
ich nicht aufhören, vor Glück zu weinen. Andererseits hänge ich auch an der jetzigen
Wohnung, weil sie mir damals die Gelegenheit bot, in München bleiben zu können. Auch deshalb heule ich. »Los, wir fangen an zu packen!«, sagt Pierre
und faltet einen Umzugskarton auf Dann packt er den Hund rein. »Nee, das Wichtigste zuletzt«, sage ich. »Okay, und was ist das Unwichtigste?« Ich denke nach, aber auf Anhieb fällt mir
nichts ein. Ich wohne in einem Apartment, das weniger
Grundfläche hat, als ein halber U-Bahn-Wagen. Oder ein Fünfmeterraum beim Fußball. Wenn ein Eckball in meine Wohnung segeln würde,
während sich dort mehr als fünf Personen aufhalten, würde der Schiedsrichter die Situation
vorsichtshalber wegen Rudelbildung abpfeifen. Der Punkt ist: Für Unwichtiges habe ich gar
keinen Platz. Ich weiß auch noch nicht, womit ich die neue
Wohnung überhaupt füllen werde. »Was ist mit den Ziegelsteinen?«, fragt
Pierre und deutet in eine Ecke des Zimmers. »Die sehen unwichtig aus.« Ich fange wieder zu weinen an. »Das sind die Ziegelsteine meines Urgroßvaters. Die waren das einzige, was er nach dem Krieg
noch hatte.« »Und die brauchst du jeden Tag?«, fragt
Pierre. »Ja, sie beruhigen mich. Wenn ich sie nicht in meiner Nähe weiß,
bin ich immer völlig durch den Wind.« »Dann vielleicht die Holzeisenbahn?« »Nee, die wollte ich bald mal wieder aufbauen. Die erinnert mich voll an meine Kindheit.« »Das Taufbecken?« »Das erinnert mich an meine Taufe.« »Mein Gott, wir werden doch irgendwas finden,
das wir schon einpacken können!«, sagt Pierre. »Vielleicht ein paar Bücher oder Platten?« Ich schaue ihn entgeistert an. Da dachte ich, ich kenne meinen besten Freund, und dann das. Die Bücher! Da kann ich auch gleich meine Zahnbürste
bis zum Umzug einpacken, die benutze ich genauso oft. Ich verbringe viel Zeit mit meinen Büchern
und Platten. Oft habe ich das Gefühl, egal wie schlecht
es mir geht, so lange ich bestimmte Sätze und Lieder um mich herum weiß, geht alles
irgendwie weiter. Das kann ich doch nicht für einen Monat wegpacken! Gerade jetzt, wo viele Erinnerungen an einzupackende
Stücke hochkommen werden, brauche ich meine Bücher und Platten und Ziegelsteine. Ein paar Minuten später ruft meine Schwester
an. »Glückwunsch zur neuen Wohnung«, sagt sie. »Äh, danke. Woher weißt du denn davon? Ich hab doch den Mietvertrag vorhin erst unterschrieben.« »Papa hat’s in der WhatsApp-Gruppe gepostet«,
sagt sie, als würde das irgendwas erklären. Vielleicht tut es das sogar; ich habe die
App nicht mal installiert und deshalb keine Ahnung, was dort an Informationen verfügbar ist. Vielleicht bietet ja irgendjemand einen Liveticker
aus meiner Wohnung an oder mein neuer Vermieter ist der Gruppe beigetreten, keine Ahnung. »Wo ist die Wohnung denn?«, fragt meine
Schwester. »In einer Nebenstraße in Schwabing. Mit lauter kleinen Lädchen und Restaurants
drumherum. Es ist so krass, dass ich die gekriegt hab.« »Fängst du schon wieder das Heulen an?« »Wann habe ich bitte das letzte Mal geheult?«,
frage ich und wische mir mit dem Pulliärmel den Rotz aus dem Gesicht. »Als ich dir zum Geburtstag gratuliert habe,
als Alessio dich ›Onkel Alex‹ genannt hat, als wir das letzte Mal essen waren …«
»Da waren Zwiebeln im Salat«, unterbreche ich sie. »Die du nicht geschält hast.« »Das waren Spätträner!« So emotional bin ich auch gar nicht. Ich heule halt wie ein Schlosshund, wenn ich
mir das Video von Steven Gerrards Abschiedsspiel beim FC Liverpool anschaue. Wenn er anschließend mit seinen kleinen Töchtern
die Ehrenrunde dreht und das ganze Stadion You’ll Never Walk Alone singt, da kann ich
mich einfach nicht mehr zusammenreißen. Generell: Wenn irgendwer seinen Abschied von
irgendwas verkündet, wenn wichtige Fußballtore in der Nachspielzeit fallen, wenn ein Lied
genau zu meiner derzeitigen Situation passt – dann nimmt mich das eben mit. Aber das sind ja gute Emotionen. Zu emotional bin ich nur, wenn ich Zeuge von
etwas Negativem werde: Wenn jemand zu offensichtlich nicht mit seinem Hund umgehen kann zum Beispiel,
oder wenn ich Nachrichten schaue. Das lasse ich oft sehr nah an mich heran und
bin dann für drei Tage außer Gefecht gesetzt, weil ich nicht fassen kann, was ich da miterleben
muss. Als würde das alles mir passieren. »Bald werden wir uns eine neue Runde suchen
müssen«, sage ich zum Hund, als wir etwas später um den Schwabinger See laufen. Der Hund schaut mich an und pinkelt dabei
gegen eine Parkuhr. Ein bisschen fühlt es sich so an, als würden
wir hier schon nicht mehr dazugehören. Also nehme ich Abschied. »Mama, was macht der Mann da?« »Er rennt schluchzend von einem Baum zum
andern und umarmt sie, während sein Hund sie … schau weg, Matilda.
Komm, weiter. Ich weiß nicht, was der Mann da tut.« »Ich sage tschüss!«, rufe ich ihnen nach. »Fünf Jahre lang bin ich diesen Weg jeden Tag gelaufen, da werde ich mich ja wohl verabschieden dürfen. Oh, komm her, du alte Litfaßsäule mit der
Parship-Werbung, lass dich abknutschen; Zaun zum Ungererbad, mein alter Freund, an dir
werde ich nie mehr entlangstreifen können; oh Gott, wie ich dich vermissen werde, kleine
Ente; und du, meine undefinierbare Skulptur, die ich immer für eine Art Buddha gehalten
habe – es tut mir leid, dass meine Zeit hier abgelaufen ist, ohne dass ich dich richtig
kennengelernt habe! Verzeih mir, großer Meister, ich bin des
achten Pfades nicht würdig!« »Ich finde, du reagierst immer viel zu emotional«,
sagt Pierre, als ich wieder zu mir komme. Ich liege am Ufer des Schwabinger Sees. »Woher wusstest du, dass ich hier bin?«,
frage ich. »Dein Vater hat’s in der WhatsApp-Gruppe
gepostet. Anscheinend hast du versucht, dich vom Schwan zu verabschieden, und der hat dich ausgeknockt«, sagt er. Dann hilft er mir auf, bringt mich in eine Wohnung, die
bald schon nicht mehr mein Zuhause sein wird, und summt dabei You’ll Never Walk Alone.

1 thought on “Ich reagiere immer viel zu emotional – Alex Burkhard (Poetry Slam Text)

  1. Hach, Alex! Deine Worte sind zum heulen schön!♥️
    Im Namen des Schwans, der Bücher, Ziegelsteine und Buddhas (Buddhi?); wir haben dich auch lieb!🤗

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