Ich wäre gerne mal wieder mit etwas wirklich fertig (Poetry Slam Text von Alex Burkhard)


„Ich wär so gern mal wieder mit was fertig“,
hast du gesagt und den Plätzchenteig ausgerollt dein Kätzchen lag eingerollt auf dem Filzkissen
ich hab ein Glas Wein gewollt und du willst wissen: „Wann hat das aufgehört, dass man Sachen
beenden kann? Früher ging das doch Wenn wir nach den Hausaufgaben
das Haus aufgaben uns draußen jagten
die Hauptaufgaben Baum rauf wagen
und Haut aufschlagen Vorher noch Mathe beenden mit bebenden Händen
Heute ist es nur noch Händeln von Schwebezuständen“ Ich muss deine Förmchen drehen und wenden
während ich behutsam ausstanz Deine Worte haben Schwere und pendeln
zwischen Leere und Verklären Die Katze träumt von nem Mausschwanz Du schiebst das Blech in den Ofen
und dann wirst du zum Stress-Philosophen „Ich habe diese Utopie von einem leeren
Postfach“, sagst du „stattdessen halt ich den Kopf wach denn es kommt immer noch eine Mail
der Laptop hat immer noch einen Fail irgendwer braucht dringend ein Formular
irgendein Handwerker war wieder nicht da ständig mahnt irgend ne Kündigungsfrist
mein Exfreund schreibt mir, wie verliebt er noch ist Irgendwo in der Stadt wird immer gebaut
auch sie ist nie fertig, immer ist’s laut Ich bin so fertig, es steht mir bis hier
ständig ein Ball in der Luft und meistens gleich vier Wenn ich selbst im Urlaub am Jonglieren bin
dann hat doch echt nichts hier ‘nen Sinn“ Eine Therapeutin hätte dir jetzt vielleicht
gesagt: „Sie sollten nicht den Berg sehen
und stattdessen verstehen es sind viele Schritte
die Sie – Riesenbitte – nach und nach beschreiten
dann wird auch wieder mehr gehen Ich werde Sie begleiten“ Doch ich habe meine eigenen großen, wirren
Klagen deshalb hörst du mich prostend, klirrend,
fragen: „Und … was machen wir, so lange die Teige
heiter backen? Schweigen? Weiter schnacken?“ Was dir das Fertigwerden
ist mir die Zwischenzeit Du hast die Idee, dass nichts jemals endet
Ich hab keine Idee, was ich tun kann, bis etwas eintritt Fußballspieler sind mindestens 20, dachte
ich mit 10. Was mache ich in der Zwischenzeit? Ärzte sind mindestens 30, dachte ich mit
15. Was mache ich in der Zwischenzeit? Autoren sind alle mindestens 40, dachte ich
mit 20. Dann habe ich ein Buch geschrieben. Ich lebe von einem großen Ereignis zum nächsten
ich brauche Deadlines doch oft verwandeln die sich in Todesschlangen
in denen ich warten muss, großes Bangen bis endlich etwas passiert
und bis dahin wie paralysiert Manchmal fehlt mir die Gegenwart
doch obwohl ein Termin mir entgegen starrt darf ich mich weiter bewegen: Start Früher ging das doch Wenn ich in der Schule früher fertig war
als die anderen hab’ ich nicht so wie die Spezl gedöst
sondern logische Rätsel gelöst „Wenn der Deutsche neben dem Franzosen wohnt
und keine Pflanzen neben der Türe hat und auch der Amerikaner und der Engländer
Nachbarn sind, hinter welcher Tür wohnt dann der Russe?“ Du verzweifelst währenddessen noch an anderen
Aufgaben „Wenn der Deutsche … Bank-Typ neben dem
Babysitter steht und ich Wanzen in der Wohnung habe und auch der Steuerprüfer und der Vermieter Bekannte sind, hinter welcher Mail wohnt dann
die Entspannung?“ Die Halbmonde und Sterne
sehen schon braun aus Dein Blick, halb tot und halb Ferne
fällt auf den Baum raus Und dann auf mich
Du schaust mich an als würdest du eine Lösung erwarten Doch ich bin nicht dein Therapeut
selbst mit Terrabyte an Daten über kranke Selbstzweifel und trauern
Gedankenweltreisen und Mauern Um sich selbst kreisen und lauern auf eine Chance, den Spuk zu verlassen
Du, ich muss passen Ich kann’s nicht erklären
oder ändern wenn dann durch gemeinsames Sein
mit geteiltem Weinen und Wein Und während die Katze erwacht
und müde umherblickt haben wir eine meiner Zwischenzeiten rumgebracht
und zumindest deine Plätzchen: sind fertig

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